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Russisch-europäischer Wettbewerb für Forschungsarbeiten von Hochschulabsol-vent*innen und Doktorand*innen

Der jährlich stattfindende Wettbewerb richtet sich an russische und europäische Studierende der Sozial- und Geisteswissenschaften, die sich für vergleichende russisch-europäische Forschung interessieren.

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Der Wettbewerb wird seit 2014 vom Zentrum für Deutschland- und Europastudien (ZDES) in Zusammenarbeit mit dem Council of Young Scientists der Fakultät für Soziologie der Universität St. Petersburg organisiert und durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) unterstützt.

Jedes Frühjahr werden interessierte Hochschulabsolvent*innen und (angehende) Doktorand*innen aus Europa eingeladen, Forschungsarbeiten zu aktuellen Themen aus den Bereichen der Russlandstudien oder zur russischen Gesellschaft einzureichen, während ihre russischen Kolleg*innen Arbeiten zu Europastudien oder zu europäischen Gesellschaften beitragen. Von besonderem Interesse sind dabei Arbeiten, die Russland und Europa miteinander vergleichen. Von den mehreren Dutzend Beiträgen, die jedes Jahr von Autor*innen aus verschiedenen europäischen Ländern und Russland eingereicht werden, werden bis zu sechs Beiträge (je drei Beiträge von russischen und drei von europäischen Forscher*innen) für das Finale ausgewählt.

Das Finale findet jedes Jahr im November am Zentrum für Deutschland- und Europastudien in St. Petersburg statt. Dort stellen die Finalist*innen einer Jury aus russischen und deutschen Sozialwissenschaftler*innen ihre Arbeiten vor und beantworten Fragen dazu. Die Jury wählt danach die Gewinner*innen des Wettbewerbs aus.

Die Gewinner*innen erhalten vom ZDES ein Stipendium/Reisemittel zur Durchführung von Feldforschung in Europa (für die russischen Forscher*innen) oder in Russland (für die europäischen Forscher*innen). Die Ergebnisse bzw. die Paper werden anschließend in der CGES Working Papers Reihe online veröffentlicht.

Darüber hinaus kann die Jury weitere Finalist*innen prämieren, die ebenfalls ein Stipendium vom ZDES erhalten.

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Außerdem werden alle Finalist*innen zu einem internationalen Workshop unter der Leitung von Dr. Verena Molitor (Universität Bielefeld) eingeladen, welcher das Publizieren in internationalen Fachzeitschriften zum Thema hat. In dem Workshop lernen die Teilnehmer*innen, wie sie ihre Schreibfähigkeiten verbessern, wie sie sich den Inhalt und die Struktur eines Artikels erarbeiten und wie sie Abstracts verfassen. Der Schwerpunkt des Workshops liegt dabei auf dem Peer-Review-Prozess und der Überarbeitung und Korrektur von Artikeln für europäischen Zeitschriften und vermittelt damit Wissen, das für jede*n Forscher*in wichtig ist, der/die eine internationale Karriere anstrebt.

Für den ersten Wettbewerb im Jahr 2014 wurden 15 Forschungsarbeiten aus Russland und Europa eingereicht, die sich in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Bereichen verorten lassen. Hierzu gehörten zum Beispiel die Soziologie, Wirtschaft, Linguistik und Internationale Beziehungen. Fünf Finalist*innen aus Russland, Deutschland und der Ukraine präsentierten ihre Arbeiten vor der Jury.

Sonja Schiffers, Masterstudentin an der Freien Universität Berlin, gewann den Wettbewerb für europäische Studierende, Absolvent*innen und Doktorand*innen mit ihrer Arbeit „Dependency in Disguise Evaluating Russia’s Engagement in Abchasien since 2008 within the Framework of International Peace and Statebuilding“. Sonja erhielt ein Stipendium für eine Feldforschung in Abchasien und Tiflis, die sie im Juni und Juli 2015 durchführte und welche die Grundlage ihres CGES Working Paper „The Intricacies of International Assistance to De Facto States Human Security and International Engagement in Abkhazia“ wurde.

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Unter den russischen Finalisten ging der erste Platz an Irina Antoshchuk, Doktorandin an der Staatlichen Universität St. Petersburg und der Europäischen Universität in St. Petersburg und Absolventin des Masterstudiengangs „Studies in European Societies“. Sie gewann mit dem Beitrag „Co-authorshop Patterns of Russian Computer Scientists in the United Kingdom: Tracing Connections and Identifying Diaspora Knowledge Networks“. Im Anschluss unterstützte das ZDES Irinas Praktikum an der Universität Exeter in Großbritannien im Februar 2015, durch welches sie ihr Forschungsprojekt zum Thema „Co-authorship patterns of Russians computer scientists in the UK and scientific diaspora engagement policies“ weiterverfolgen konnte.

In den folgenden Jahren wurden immer mehr Forschungsarbeiten aus einer wachsenden Anzahl unterschiedlicher Länder eingereicht und so gehörten Autor*innen aus Belgien, Deutschland, Ungarn, Island, Italien, Finnland, Frankreich, Russland, der Türkei und Großbritannien zu den Finalist*innen. Über die Jahre gehörten der Jury Vertreter*innen der Staatlichen Universität St. Petersburg, der Universität Bielefeld, der Europäischen Universität in St. Petersburg, der Russischen Präsidentenakademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung, der Higher School of Economics und des Soziologischen Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften an. Die Gewinner*innen der Wettbewerbe unternahmen Forschungsreisen in verschiedene Länder Europas, unter anderem nach Belarus, Belgien, Finnland, Georgien, Deutschland, Litauen, Polen, Spanien und Großbritannien, sowie an verschiedene Orte in Russland. Aus den durchgeführten Forschungen gingen eine Reihe von Artikeln für die CGES Working Paper Serie hervor.

Im Jahr 2020 wurde das Finale des Wettbewerbs aufgrund der weltweiten Reisebeschränkungen zum ersten Mal online ausgetragen.

Weitere Informationen zu den vergangenen Wettbewerben finden Sie unter:

Im Folgenden werden einige der Wettbewerbsgewinner*innen der letzten Jahre (und ihre Eindrücke) vorgestellt:  

 

Eline Helmer, University College London, Vereinigtes Königreich

Portretfoto Eline

Eline Helmer gewann den fünften Wettbewerb mit einem Beitrag, in dem sie die Pilotstudie ihres Promotionsprojekts mit dem Titel „Tact in Translation: Negotiating trust by the Russion interpreter, at home and abroad“ vorstellte. Betreut wurde das Projekt von Prof. Anne White und Dr. Seth Graham von der UCL School of Slavonic and East European Studies (SSEES).

Eline wurde vom ZDES in ihrer empirischen Forschung in Russland unterstützt, wo sie Interviews und teilnehmende Beobachtungen mit professionellen Russisch Dolmetscher*innen durchführte. Für die Studie wurden Dolmetscher*innen ausgewählt, die sowohl in Westrussland als auch in Westeuropa arbeiten, um so die unterschiedlichen Ansätze zu analysieren, die von Russisch Dolmetscher*innen verwendet werden, um Vertrauen zu schaffen.

Elines Kommentar:

Dank der Unterstützung des ZDES konnte ich im Frühjahr 2019 in St. Petersburg, Moskau und Pskow Feldstudien für mein Promotionsprojekt 'Tact in Translation: Negotiating trust by the Russian interpreter, at home and abroad' durchführen. Ich habe 23 Dolmetscher*innen interviewt und sie während ihrer Arbeit begleitet, um teilnehmende Beobachtungen durchzuführen. Im kommenden November werde ich dann einen Artikel in der ZDES Working Papers Series veröffentlichen, der auf diesen Feldstudien basiert. In diesem Artikel betrachte ich die Übersetzungstätigkeit als eine Art ‚tägliche Diplomatie‘. Neben finanzieller Unterstützung half das ZDES mir auch mit der Codierungssoftware, um meine Interviewtranskripte zu analysieren. Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung, die ich durch das ZDES erfahren habe und freue mich darauf, in der Zukunft weiter mit dem ZDES zusammenzuarbeiten.

Elines Forschungsreise und weitere Analysen führten zu dem CGES Working Paper: ‘Smoothening and Softening: The Interpreter as an Everyday Diplomat’.

Anna Dupak, Staatliche Universität St. Petersburg, Russland

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Anna präsentierte ihre Arbeit zum Thema „Digital self-tracking in healthcare practices of students from Russia and Europe“ beim Finale des sechsten Wettbewerbs 2019 und wurde mit einem Reisestipendium ausgezeichnet.

Im März 2020 führte sie ihre Forschungsreise nach München durch, um empirische Daten für ihre Forschung zu sammeln, die sich mit der Entwicklung digitaler Gesundheitstechnologien befasst, welche zu einer intensiven Nutzung von Self-Tracking geführt haben.

Anna schildert ihre Eindrücke wie folgt:

Da eines meiner Erhebungskriterien für meine Studie ein Studierendenstatus war, habe ich die ersten Tage meiner Forschungsreise in den Bibliotheken und Mensen von Münchner Universitäten verbracht, um Teilnehmer*innen zu finden. Ich habe die Studierenden dann nach ihren Erfahrungen mit self-tracking gefragt. Das Ganze war gar nicht so einfach, vor allem am Anfang – stellt euch mal vor, jeden Tag mit 8-10 Fremden sprechen zu müssen! Ich habe mich dann entschieden, ein paar Treffen zu organisieren und habe Interviews mit Studierenden aus verschiedenen Regionen in Deutschland und sogar Belgien geführt, was die Stichprobe diverser und interessanter gemacht hat. Zum Glück waren viele von ihnen bereit, mir zu Helfen und haben gerne ihre self-tracking Erfahrungen mit mir geteilt. Manche von ihnen haben mir sogar angeboten, mich ein bisschen in der Stadt herumzuführen, was ein netter Bonus war. Alles in allem bin ich sehr glücklich darüber, dass mir das ZDES die großartige Erfahrung ermöglicht hat, für mein Projekt Feldforschung in Deutschland durchzuführen. Sobald ich meine Daten ausgewertet habe, möchte ich sie publizieren.

Annas Forschungsreise führte zu ihrem CGES Working Paper ‘Digital self-tracking in healthcare practices of Russian and European students’.

 

Lola Rouze, Jean-Moulin Universität Lyon, Frankreich

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Lola war eine der Finalistinnen des fünften Wettbewerbs 2018. Im Finale präsentierte sie ihr Paper „Is the Modernisation of Public Administrations a Reality in European Union Member States and the Russian Federation?“. Sie wurde bei der Durchführung ihrer Studie über die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung in Russland im Rahmen ihres Projekts „The modernisation of Public Administrations in the European Union and in the Russian Federation: University International Relations Offices Case“ unterstützt.

Lola teilt ihre Eindrücke der Forschungsreise:  

Ich hatte das Glück, vom 08.04.-07.05.2019 meine Forschung in St. Petersburg fortsetzen zu können. Während des Trips erhielt ich wertvolle Hilfe durch das ZDES-Team, besonders was die Verbesserung meiner zwei Fragebögen angeht. Sie decken nun die vier Bereiche ab, die zur Bewertung der Modernisierung der ausgewählten öffentlichen Verwaltungen, der International Relations Desks (IRDs), etabliert wurden. Ich habe auch eine Online-Version erstellt, die bereits gestartet ist und sich an Studierende, Forschende und Lehrende richtet, die dank IRDs in die Europäische Union und die Russische Föderation gereist sind, sowie an Beamte, die in einem IRD arbeiten oder gearbeitet haben. Ich habe meine Zeit dort auch genutzt, um zwei Interviews mit Expert*innen auf dem Gebiet der russischen öffentlichen Verwaltung zu führen und diese zu transkribieren. Nun werde ich alle Daten zusammenführen und die Ergebnisse analysieren, um bis November einen Artikelentwurf vorzubereiten. Ich möchte sowohl dem ZDES für diese Gelegenheit wie auch der Bibliothek für die Hilfe danken, die ich erhalten habe, als ich jedes Wochenende dort war.

Die Ergebnisse von Lolas Forschung können in ihrem CGES Working paper ‘The modernisation of Public Administrations in the European Union and in the Russian Federation: University International Relations Offices Case’ gefunden werden. Diese Arbeit vergleicht die Modernisierungsmaßnahmen der International Offices an Universitäten in Russland und der Europäischen Union. Die Analyse basiert auf Max Webers Definition von Modernität und greift auf Umfragenergebnisse unter Mitarbeitenden in russischen und europäischen Internationale Offices sowie Nutzer*innen dieser Büros zurück.

 

Irina Antoschyuk, Staatliche Universität St. Petersburg und Euro-päische Universität in St. Petersburg, Russland

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Im Jahr 2017 gewann Irina den Wettbewerb zum zweiten Mal mit einer Arbeit basierend auf ihrem Promotionsprojekt „Russian Computer Scientists in the UK: Professional Contacts in the Migration Process“ und erhielt dadurch die Möglichkeit, eine weitere Forschungsreise nach Großbritannien zu unternehmen.

Irinas Projekt widmet sich den Diaspora-Wissensnetzwerken, die russischsprachige Informatiker*innen als Migrant*innen aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion gebildet haben, die nach 1991 in das Vereinigte Königreich gezogen sind und dort akademische Positionen in Lehre und Forschung innehaben und -hatten.

Irina erzählt von ihren Forschungserfahrungen:

Die Reise in das Vereinigte Königreich gab mir die Möglichkeit, 20 Interviews für meine Forschung zu führen und darüber hinaus den Frühlingsbeginn zwei Monate früher zu erleben als in Russland. Ich untersuche nun schon seit einigen Jahren Diaspora Wissensnetzwerke russischsprechender Informatiker*innen. Aber nachdem ich, basierend auf Publikationen, eine Datenbank von allen Wissenschaftler*innen im Vereinigten Königreich erstellt habe, fand ich heraus, dass die Interviews, die ich geführt habe, nur eine spezielle Gruppe von Informatiker*innen umfasst. Dank des Stipendiums des ZDES konnte ich einige Universitäten und den Cambridge Science Park besuchen und ganze Teams von russischsprachigen Informatiker*innen sowie einzelne Innovator*innen und Jungunternehmer*innen in dieser Branche treffen. Ich sprach mit Informatiker*innen mit den verschiedensten Werdegängen, von denen Manche die Britische Wissenschaftssphäre verlassen haben, um in anderen Ländern zu arbeiten und anderen die ihre Tätigkeiten in der Wissenschaft aufgegeben haben und stattdessen eine Karriere in einem Unternehmen verfolgen. Letztendlich war ich erfolgreich darin, ein ausreichendes Datensample zu generieren, welches die vielseitigen Migrationserfahrungen und die Bildung professioneller Karrieren von russischsprachigen Computerwissenschaftler*innen widerspiegelt. 

Die Forschungsreise bildete die Basis für Irinas CGES Working Paper 'The notion of diaspora knowledge network revisited: Highly skilled migrants forming a new invisible college'.

 

Irina Zamishchak, Higher School of Economics, Russland

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Irina wurde vom ZDES für den Gewinn des sechsten Wettbewerbs mit ihrem Paper „The Breach of University Autonomy as a 'Critical Juncture': Career Strategies of the Scholars from European Humanitarian University (EHU)“ unterstützt. Darin widmet sie sich dem Einfluss verschiedener politischer Rahmenbedingungen auf akademische Freiheit und damit auf die Karrieren von Wissenschaftler*innen. Im Februar 2020 führte Irina eine Forschungsreise nach Minsk und Vilnius durch, um Primärdaten zu gewinnen und ihre Studie zu erweitern.

Irina teilt ihre Einblicke während des Trips:

Während meiner Forschungsreise führte ich Interviews mit Wissenschaftler*innen von Universitäten in Belarus, die aufgrund der Regierungskonflikte nach Litauen umziehen mussten. In Vilnius habe ich Lehrende befragt, die für die EHU arbeiten, während ich in Minsk mit Leuten gesprochen habe, welche die Universität zu verschiedenen Zeitpunkten verlassen haben. Die Analyse der professionellen Biografien dieser Menschen sowie ihre Meinungen zu Veränderungen an der Universität, nachdem sie von Belarus nach Litauen übergesiedelt wurde, führten zu interessanten Erkenntnissen. Beispielsweise erschien das Bild der Universität in den Interviews fragmentiert und widersprüchlich, was sich dadurch erklären lässt, dass die Universität zeitgleich in zwei verschiedenen Ländern existiert. Natürlich war auch die Reise in zwei Länder wie Belarus und Litauen eine unvergessliche kulturelle Erfahrung, denn obwohl die beiden Länder geografisch so nah beieinander liegen, unterscheiden sie sich doch sehr stark.

Die Resultate von Irinas Forschung können in dem CGES Working paper ‘Transformation of the ‘University-in-Exile’: Academic Identity of the Scholars from European Humanities University (EHU)’ gefunden werden. Diese Arbeit trägt zur Forschung zu akademischer Identität in Osteuropa bei und lenkt den Fokus auf die Analyse von politischen und sozialen Kontexten in der Hochschulbildung.

 

Tibor Wilhelm Benedek, freier Wissenschaftler, Ungarntibor2021

Tibor gewann den Wettbewerb im Jahr 2017 mit seiner Arbeit zum Thema „Integrated Islam in Russia“, in der er den Begriff einer „integrierten“ Religion aus einer systematischen Perspektive untersuchte. Das Reisestipendium des ZDES ermöglichte ihm eine Forschungsreise nach Moskau und Makhachkala, wo Tibor 500 Muslime und Muslima befragte, um die These, die er in seinem Buch „Pioneers of liberal Islam – Impressions from Moscow and St. Petersburg“ vorgestellt hat, anhand quantitativer Daten zu überprüfen.

Tibor erinnert sich:

Die Forschungsreisen nach Moskau und Makhachkala sind für mich ein weiteres Sprungbrett für meine Forschung zum russischen Islam gewesen. In meinem ersten Buch lege ich dar, dass der offizielle Islam in Russland ein fundamentaler Teil der russischen Gesellschaft ist. Ich arbeitete mit einschlägiger wissenschaftlicher Literatur und interviewte Wissenschaftler*innen, die auf dem Gebiet der Religionsstudien und Soziologie forschen. Allerdings waren die Reaktionen auf diese Arbeit in Europa begrenzt. Das Leben von Muslimen und Muslima in Russland schien für weite Teile der Wissenschaft ein exotisches und zugleich gewagtes Thema zu sein. Neue Ideen und Informationen verfestigen sich nun mal erst stückweise. Quantitative Forschung mittels Fragebögen zu betreiben, war für mich einer der Wege, um Interesse und Attraktivität für dieses neue Thema zu erzeugen.

Ich befragte 250 Muslime und Muslima in Moskau und 250 in Makhachkala. Die Datensammlung während meiner Reise offenbarte Einstellungen, Werte und Meinungen dieser Menschen. Es war alles andere als leicht für mich als europäischer Forscher und nicht-Muttersprachler, 500 Leute zu einem so polarisierenden Thema wie Religion zu interviewen. Die zwei Wochen Arbeit haben allerdings gezeigt, dass es möglich ist. Ich möchte das Projekt jungen Wissenschaftler*innen widmen, die vorbestimmte Themengebiete in der Wissenschaft leid sind. Die Forschungsreise nach Russland wurde für mich zu der Möglichkeit, mehr über interkulturelle Kommunikation zu lernen und Daten über die größte muslimische Minderheit in Europa zu sammeln.

Die Ergebnisse aus Tibors Forschungstrip lieferten die Grundlage für sein CGES Working Paper 'The State of Russian Islam – Politicization and Religiosity'.

 

Anastasia Golofast, Moskauer Institut für Internationale Bezie-hungen, Russland

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Anastasia war 2016 Gewinnerin des dritten Wettbewerbs mit ihrem Paper „Exogenous shock as institutional change factor for the EU“. Ihre Forschung konzentriert sich auf Bevollmächtigungsdynamiken in der Europäischen Union in Bezug auf die „Flüchtlingskrise". Unterstützt vom ZDES sammelte Anastasia Interviewdaten von Akademikerinnen und Expertinnen in EU-Angelegenheiten in Brüssel, arbeitete mit Bibliotheksdatenbanken der Europäischen Kommission, des Hauses der Europäischen Geschichte und des Parlamentariums (dem Besucherzentrum des Europäischen Parlaments). Diese Daten brachten der Wissenschaftlerin tiefere Erkenntnisse bezüglich der internationalen Debatte über die Zukunft der EU.

Anastasia sagt dazu:

Nach nur drei Stunden Flug stand ich bereits im Parlamentarium in Brüssel und untersuchte die Dokumente, welche die Basis für die Euro-päische Integration bildeten. Danach genoss ich die meisterhafte grafi-sche Darstellung der Entwicklung des Kontinents im Haus der Europäi-schen Geschichte. Ich verbrachte eine paar sehr produktive Tage in der Bibliothek der europäischen Kommission und an einem regnerischen Tag interviewte ich eine/n Vertreter/in des Centre for European Policy Studies. Ich nahm an einer wissenschaftlichen Exkursion zur Katholieke Universiteit Leuven teil und untersuchte die Büchersammlung in der Librarie Europeenne – ein Buchladen spezialisiert auf wissenschaftliche Literatur zur Europäischen Integration. Brüssel hat mich mit seiner besonderen Geschwindigkeit, seiner Verbindung von Altertümlichkeit und Innovation, mit der Noblesse des europäischen Viertels und mit dem Eklektizismus des historischen Stadtzentrums, sowie mit der Ruhe und Gelassenheit seiner Parks, dem vielfältigen kulturellen Leben und dem Geschäftssinn beeindruckt, so dass man die Stadt als eine Art europäi-sches New York bezeichnen kann. Meine Leidenschaft für Europastudien wurde noch stärker und ich habe durch diese Erfahrung eine neue In-spirationsquelle gefunden. Ich bin dem ZDES unendlich dankbar für diese seltene Möglichkeit, das Herz der EU zu besuchen und seine Ge-schwindigkeit und seinen Geist zu spüren.

Anastasias Forschungsreise resultierte in ihrem CGES Working Paper  'Managing EU’s complexity under shock'.